Michael Schneider, Bergnuss, Laos

Die Menschen sind das Wichtigste!

Organic

Seit Anfang 2014 leitet der Deutsche Michael Schneider den Bio-Landwirtschaftsbetrieb von Mai Savanh Lao in Thateng. Er ist damit zentrale Person für etwa 180 Familien im ärmsten Süden des Landes, die Seidenraupen aufziehen, und Chef von bis zu 50 Angestellte und Tagelöhnerinnen. Beim Spazieren über die Farm erzählt er in breitem Schwäbisch über seine Beweggründe in ein unbekanntes Land zu gehen, warum er die Arbeiterinnen unterrichtet und was hier gegen Biolandbau spricht.

Spirulina Michael Schneider Mai Savanh Lao organic17

Spirulina-Algen sollen Vitamine erzeugen

Warum Laos? Wenn schon aussteigen, dann in ein cooles Land, wie Neuseeland, Australien, oder nicht?

Also, ich sehe mich nicht als „Aussteiger“! Ich hatte einen super Job, habe dort gerne gearbeitet und kann – wenn ich will – jederzeit dorthin zurück. Ich hatte auch keine familiären Probleme oder so! Ich arbeite jetzt einfach wo anders.
Nach Laos bin ich zufällig gekommen. Zuerst habe ich mich bei einem Projekt mit Straßenkindern auf den Philippinen beworben, das ist aber nichts geworden. Da hat mir ein Studienkollege von einem Franzosen erzählt, der einen landwirtschaftlichen Betriebsleiter in Laos sucht. Laos musste ich im Atlas suchen.
Im Oktober 2012 bin ich für zwei Wochen hierher geflogen und habe mir im Urlaub den Betrieb angeguckt. Da hat sich bei mir ein Kreis geschlossen: Ich habe Landwirtschaft gelernt, dann dazwischen etwas anderes gemacht, und bin jetzt wieder zur Landwirtschaft zurückgekommen.

Du bist nun schon seit drei Jahren hier in Laos. Hast du manchmal Heimweh?

Nein. Gar nicht. Ich habe ja auch meine Traumfrau hier gefunden. Ich fühle mich sehr wohl hier. Und ich war nie so „heimatverbunden“, dass ich nicht wegwollte von daheim. Natürlich fühle ich mich meiner Mutter und meiner Schwester verbunden, aber der Ort, wo ich wohne, war nie wichtig für mich.

Michael Schneider besichtigt Bergnuss-Plantage

Dorfbewohnerinnen suchen Einnahmen, Michael Schneider sucht gute Bergnüsse.

Was hast du vorher gearbeitet? Wie hast du dich auf das Entwicklungsland Laos vorbereitet?

Nach meinem Landwirtschafts-Studium bin ich LKW gefahren. Dann habe ich Futterautomaten für Schweine verkauft. Und ich habe in einem mittelständischen Recycling-Unternehmen als technischer Leiter gearbeitet, da war ich für 15 Leute verantwortlich.
Wie gesagt, ich war zufrieden in meinem Job. Aber ich wollte immer schon etwas Soziales machen. Das begleitet mich schon, seit unser Pfarrer – da war ich zwölf oder so – nach Uganda gegangen ist. Mit meiner Ex-Freundin habe ich einmal überlegt, nach Peru zu gehen. Das ist dann aber nichts geworden.
Ich bin im September 2013 nach Laos gegangen, und habe die ersten drei Monate in der Hauptstadt Vientiane Laotisch gelernt. Am 4. Januar 2014 habe ich dann hier angefangen.

Maulbeer-Strauch Michael Schneider Seidenraupen organic17

Die Blätter der Maulbeeren entscheiden über die Qualität der Seidenraupen-Kokons.

Was hat eigentlich den Ausschlag gegeben, alles aufzugeben?

Da gab es keinen konkreten Anlass. Das ist in mir gewachsen. Wie gesagt, das Thema begleitet mich schon lange. Und irgendwann musst du die Dinge umsetzen, die du machen willst. Sonst ist es zu spät.

Verdienst Du nun besser als in Deutschland?

(lacht) Sicher nicht! Hier verdiene ich gar nichts. Ich lebe von Spenden meiner deutschen Freunde, die einen Verein unterstützen, den ich vor meiner Abfahrt gegründet habe. „Mai Savanh Lao“ ist noch nicht so weit, dass es mir einen Gehalt zahlen würde.

Was fasziniert Dich an Laos? Welche negativen Seiten von Laos siehst du?

Ich bin hierher gekommen wegen eines Jobs. Nicht weil das Wetter so schön ist oder die Landschaft. Für mich zählen sowieso immer nur die Menschen. Negative Seiten? Also ich will hier leben, ich bin als Gast hier. Für mich ist logisch, dass ich mich anzupassen habe an das Leben hier. Auch wenn mir nicht immer alles gefällt.

Behoerde Landwirtschaftsamt Michael Schmidt organic17

Die Zusammenarbeit mit Behörden ist in Laos sehr wichtig. Nicht nur dabei ist Lä unersetzbar.

Mai Savanh Lao ist eine Biofarm. Welche spezielle Herausforderungen hast Du dabei zu lösen? Wen ziehst Du bei Fragen bei? Welche Unterstützung bekommst Du?

(lacht) Biofarm? Chaosfarm! Nein, im Ernst: „Organic“ war für mich immer ziemlich schwammig. Eine Möglichkeit, um die Produkte in Europa besser zu verkaufen. Erst jetzt habe ich so weit „Luft”, meine Gedanken über Begrünungen und Humusbildung ernstlich umzusetzen. Ihr Zwei seid mit Euren Bio-Grundsätzen ein idealer Anstoß.
Als ich Anfang 2014 hierher kam, waren nur fünf Hektar des ganzen Betriebs bepflanzt – ausschließlich mit Maulbeeren. Der Rest war mehr oder weniger Wildnis. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es hier in der Regenzeit wuchert! Sind meine Leute auf der einen Seite mit Mähen fertig, können sie auf der anderen gleich wieder anfangen!
Außerdem bin ich in ein Seidenprojekt eingestiegen, das schon vor meiner Zeit gestartet wurde. Ich musste mich das erste Jahr lang in das Thema „Seide“ einarbeiten, war jeden Tag in den Dörfern unterwegs. Wir mussten Aufzuchthäuser bauen, Familien für das Projekt finden. Und ich wollte selbst mit dabei sein, nicht im Büro sitzen und den anderen Befehle erteilen. Ich musste ja alles über Seide lernen, das war nur mit den Leuten hier möglich.

Dorfbesprechung Michael Schneider Seidenraupenzucht

In den Dörfern bespricht Michael immer wieder und immer wieder das Neueste zur Seidenraupenzucht.

Daneben haben wir die Kulturen ausgeweitet. Heute sind 18 Hektar bepflanzt, es gibt neben Maulbeeren noch Bergnüsse, Pfeffer, Tee und während der Regenzeit Hibiskus. Bei allen diesen Kulturen konnte ich nie jemanden um Rat fragen! Wer weiß schon, wie man Bergnüsse aufbindet? Die ersten Bambussteher für die Drähte sind den Termiten zum Opfer gefallen… Oder wie man sie zurückschneidet? Es gibt hier überhaupt keine Beratung. Wir müssen alles selber ausprobieren.

Vermisst Du die Möglichkeit Dünger und Pestizide zukaufen zu können?

Einfacher wäre es wahrscheinlich schon. Um kurzfristig hohe Erträge zu erzielen. Unser Problem hier ist die Bodenstruktur und der fehlende Humus. Habt ihr bei euren Spatenproben Humus gefunden?

Nur in den obersten Zentimetern.

Eben! Für mich ist die Frage, wie – und ob überhaupt – hier in den Subtropen Humus aufgebaut werden kann. Da geht die Umsetzung ja so wahnsinnig schnell. Dann der krasse Unterschied zwischen Regen- und Trockenzeit… Wahrscheinlich ist meine Arbeit für eine Person zu viel. Man muss hier ja alles nachkontrollieren. Also wirklich alles – von der Toilettenreinigung bis zum Unkrautjäten! Wenn meine laotischen Arbeiter sagen, sie haben etwas erledigt, kann das so sein – oder auch nicht. Nicht dass ihr mich falsch versteht: Die Leute hier haben das selbstverantwortliche Arbeiten nie gelernt! Sie tun das nicht böswillig!

Rinder Michael Schneider Mai Savanh Lao organic17

Die Rinder sind am Bio-Betrieb von Mai Savanh Lao wichtige Düngerlieferanten.

Wir haben oft miterlebt, dass du die Arbeiter in der Früh unterrichtest. Was versprichst du dir davon?

Also ich möchte, dass meine Leute über ihr Land Bescheid wissen. Das ist ja ihre Heimat. Die Schulausbildung ist unglaublich schlecht – falls sie überhaupt welche hatten. Manche meiner Arbeiterinnen können nicht lesen oder schreiben. Ich will ihnen eine Grundausbildung geben.

Warum? Was bringt das?

Also jedenfalls nicht aus Profit! Natürlich ist es langfristig sinnvoll, Personal zu haben, das die Arbeiten selbstständig und selbstverantwortlich durchführen kann.  Aber das ist für mich nicht entscheidend. Die Menschen sind Menschen und sie sind das Wichtigste hier! Der Betrieb kommt für mich erst danach. Ich sehe, wie die einfachen Leute hier untergehen, wie sie sich in Schulden verstricken. Weil sie nicht lesen oder verstehen können, was sie unterschreiben! Weil sie keine Ahnung haben, wieviel Geld sie zurückzahlen müssen, wenn sie Kredite aufnehmen. Nur eine einzige meiner Arbeiterinnen hat keinen Kredit laufen, alle anderen sind irgendwie verschuldet. Also bespreche ich mit ihnen elementares Wissen, zum Beispiel wie die Landesteile heißen, wie viele Einwohner Laos hat, und wir rechnen und lesen ein bisschen. Fast jeden Tag.

Michael Schneider Unterricht Arbeiterinnen Mai Savanh Lao

Michael wünscht sich, dass die Arbeiterinnen über ihr Land Bescheid wissen. Und rechnen können.

Mai Savanh Lao produziert Bio-Lebensmittel von herausragender Qualität. Für den Premiummarkt in Europa. Im Dorf verhungern die Kinder. Siehst Du Möglichkeiten, die lokale Bevölkerung am tollen Bio teilhaben zu lassen?

Nein, eigentlich nicht. Die Leute hier sind auf dem Stand wie bei uns vor vielleicht 150 Jahren. Alles ist für sie „Chemie“, ob das nun Stickstoffdünger ist oder ein Pilzmittel. Da gibt es keinen Unterschied. Die Bauern hier haben aber auch keine landwirtschaftliche Ausbildung. Hier wird ein Feld mit Brandrodung frei gemacht, womöglich mit einem Totalherbizid „sauber“ gespritzt, und eine Monokultur angebaut. Nach ein oder zwei Jahren Brache das Gleiche noch einmal. So etwas wie „nachhaltige Landwirtschaft“ kann ich den Bauern gar nicht erklären, das verstehen sie nicht.

Seidenraupen Aufzuchthaus Michael Schneider organic17

Leider nutzen die Bäuerinnen den Kot aus den Häusern der Seidenraupen kaum als Dünger.

Und sie wollen auch nicht viel Aufwand betreiben, sie sind – ehrlich gesagt – faul. Ich erkläre ihnen zum Beispiel immer wieder, dass sie die Reisstroh zum Mulchen ihrer Maulbeersträucher verwenden sollen. Damit kein Unkraut kommt. Oder dass sie den wertvollen Kot ihrer Seidenraupen nicht neben dem Haus liegen lassen, sondern ihn mit in den Maulbeergarten nehmen und damit düngen sollen! Wir zeigen ihnen jedenfalls auf unserer Farm so etwas vor, und ich hoffe, dass sie hier sehen, dass das besser funktioniert.

Bio in Laos: das muss ja easy sein, da schaut doch eh niemand so genau. Gibt es überhaupt eine Bio-Kontrolle?

Na sicher! Wie in Europa auch. Einmal im Jahr kommt eine Dame einer thailändischen Bio-Kontrollstelle und lässt sich alles zeigen und erklären. Letztens war sie einen ganzen Tag da, hat Rechnungen kontrolliert und sich die Flächen angeschaut. Hier ist der Bericht dazu (er zeigt mir mehrere Blätter Papier).

Bergnuss-Crasher Michael Schneider Mai Savanh Lao organic17

Am Betrieb packt Michael Schneider immer mit an. Hier befüllt er den Bergnuss-Crasher.

Nehmen wir einmal an, eine edle Spenderin würde dem Bio-Betrieb sehr viel Geld zur Verfügung stellen, in welchen Bereich würdest du investieren?

Also als erstes würde ich die Gehälter je nach Engagement anpassen! Da gibt es Arbeiterinnen, die zu wenig verdienen, obwohl sie sehr gut arbeiten und auch Verantwortung übernehmen. Dann würde ich die Bewässerung erneuern, aber das wäre wirklich teuer. Das müsste eine sehr reiche Spenderin sein! Zusätzliche Maschinen bräuchten wir auch, damit wir Gründüngungen einsäen könnten. Wir haben sicher zu wenig Dünger hier am Betrieb, wir brauchen Leguminosen zum Stickstoff-Sammeln. Was noch? Ein Kühlhaus würde ich bauen, um die Kokons zwischenlagern zu können. Damit das Abhaspeln in der Hochsaison nicht so stressig ist wie letztes Jahr. Ah ja, Fahrzeuge würde ich auch kaufen! Wir müssen ja unseren Klein-LKW und den PickUp mit Projektende zurückgeben.

Kannst Du Dir vorstellen, hier in „Pension“ zu gehen?

Ja, klar! Aber natürlich kommt es auf die Umstände an. Um jeden Preis bleibe ich nicht, die Arbeit muss schon passen.

Was kannst du anderen mitgeben, die ebenfalls einen Ausstieg aus ihrem bisherigen Leben planen?

Also, ich fühle mich nicht so, als ob ich jemandem etwas mitgeben könnte. Vielleicht so viel: Es nicht nur beim Planen belassen, sondern dann auch tun. Tu’s einfach! Mach, was du dir erträumst! Und dabei offen bleiben für neue Situationen. Es kann immer sein, dass sich etwas anders ergibt als erwartet. Und: Das Rückgrad haben, wenn es nicht geht, dann auch aufrecht zurück nach Hause gehen zu können.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast!

Beitrag von

Sonja Wlcek
Sonja Wlcek
Ich bin Sonja Wlcek, Bio-Schweineexpertin, Beratungsleiterin und Hobby-Grafikerin.