Vietnam Bio – Gentechnik oder Bio?

Organic

Was ich unter Bio verstehe: Gentechnik-, Pflanzenschutzmittel-und Kunstdüngerfreiheit werden von unabhängigen Kontrollstellen überprüft, artgemäße Tierhaltung, Fruchtfolge und Bodenaufbau sind selbstverständlich. Bei meiner Suche nach Bio in Vietnam stieß ich auf einige Berichte, in denen der Begriff Bio vorkommt. Oft war dabei aber nicht jenes Bio gemeint, wie ich es meine.

Safe food ist nicht bio

So berichtete als Beispiel Elisabeth Rosen 2014 von Bio-Initiativen einzelner Lebensmittelhändlerinnen in Hanoi, die mit „safe food“ und „organic“ erfolgreich verunsicherte Konsumentinnen bedienen. Wie glaubwürdig „Bio“-Angebote sind, die von den jeweiligen Händlern selbst behauptet und überprüft werden, lässt sich nicht beurteilen. Es gibt (bis heute) keine vietnamesischen Regelungen oder Gesetze, was sich als „bio“ bezeichnen darf. In der EU dagegen wird der Begriff „bio“ seit 1991 geregelt.

Partnerschaft für Bio-Kisten

Also besuchten wir Frau Phuong Nguyen, die Projektmanagerin von Action for the City, in der Nähe des Kim Liên-Markts in Hanoi. Sie hatte schon 2009 ein Projekt betreut, das den Aufbau von direkten Beziehungen zwischen Bäuerinnen und Konsumentinnen zum Ziel hatte: „Die Bäuerinnen liefern das Bio-Gemüse, das sie ernten, in Kisten direkt an die Kundinnen“, erklärt Frau Phuong. Nachdem es damals keine Bio-Gesetze gab, half sie – unterstützt durch ein dänisches Projekt – bei der Erarbeitung eines Participatory Guarantee System (PGS) zur Kontrolle.

Dieses partnerschaftliche Kontrollsystem ist das einzige, das dem Gemüse von Kleinbäuerinnen Bio-Status verleiht. Große, exportorientierte Betriebe können sich dagegen internationale Zertifizierungen leisten. Die durchschnittliche Betriebsgröße in Vietnam beträgt allerdings weniger als ein Hektar – verteilt auf viele winzige Feldstücke.

Hoi An will bio, ganz Vietnam eher Gentechnik

Dass diese Kleinbäuerinnen „sowieso alle Bio sind“, wie oft romantisch angenommen wird, widerlegte unsere bäuerliche Gastfamilie in der nördlichen Bergprovinz Ha Giang. Als wir Giang, unserer Vermieterin im idyllischen „Thon Tha Homestay“, beim Setzen des Reis zusahen, trauten wir unseren Augen kaum: Sie streute ganz selbstverständlich Kunstdünger – aus dem Plastiksackerl – auf ihre Reisterrassen!

Genau das vermeiden jene Bäuerinnengruppen, die sich dem PGS anschließen. Phuong erzählte, dass es derzeit etwa 130 Bäuerinnen nördlich Hanois sind, die etwa 150 Kundinnen beliefern. In Hoi An betreut Action for the City ein weiteres Projekt. „Dort möchte die Kommune den Biolandbau fördern. Ansonsten wird die vietnamesische Politik derzeit von zwei Richtungen massiv unterstützt: Gentechnik und ‚Safe Food‘. Daran sind große Firmen – aus den USA und China – interessiert. Biolandbau kommt – wenn überhaupt – erst an dritter Stelle“, bedauerte Phoung.

Bio-Gesetze seit 2014 in Ausarbeitung

Das habe ich in den Daten zur weltweiten Bio-Landwirtschaft wiedergefunden, die Helga Willer vom FiBL Schweiz seit Jahren herausgibt. Die vietnamesischen Bio-Flächen haben sich in den letzten vier Jahren zwar mehr als verdoppelt, die 43.000 Hektar sind aber erst 0,4 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche Vietnams. Also kaum vorhanden.

Das vietnamesische Ministerium für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung arbeitet seit 2014 an Regelungen zum Biolandbau. Denn: Ohne gesetzliche Klarheit kann jede behaupten, Bio zu produzieren. Lebensmittelskandale sind offenbar häufig in Vietnam. Bei unseren Gesprächen mit Studentinnen in Hanoi hörten wir die große Verunsicherung: Sie trauen überhaupt keinen Aussagen mehr, dass ein Lebensmittel „besser“, „gesünder“ oder „bio“ wäre.

Aber es tut sich etwas in Vietnam: Im November 2015 hat sich mit Mekong Cert die erste vietnamesische Kontrollstelle gegründet. PGS existiert mittlerweile in sechs Provinzen Vietnams – von Nord bis Süd. Einer Ausweitung des Bio-Landbaus könnten also nur noch die Interessen von Monsanto & Co. im Weg stehen. Die es lieber hätten, dass Giang weiterhin Kunstdünger streut und zukünftig auch noch gentechnisch veränderten Reis anbaut.

Vietnam organic

That’s what organic agriculture means for me: Free from GMO, pesticides and chemical fertilizers, inspected by an independend control body. Animal husbandry with high animal welfare, crop rotation and soil protection are natural. Seeking organic in Vietnam, I found some reports using the term organic. Often they didn’t mean organic like I do.

As an example, Elisabeth Rosen related in 2014 about organic initiatives in Hanoi. Particular food retailers sell „safe“ and „organic“ food to anxious consumers successfully. It’s not possible to evaluate the authenticity of these assertations, when the retailers control themselves. Until now, there are no Vietnamese regulations or laws concerning the term „organic“. In the EU, the term „organic“ is regulated since 1991.

That’s why we visited Mrs. Phuong Nguyen, project manager at „Action for the City“ near Kim Liên-market in Hanoi. She had supervised a project already in 2009, which had the aim to connect organic farmers and consumers directly. „Farmers deliver their organic vegetables to their costumers in boxes directly“, Mrs. Phuong explained. Because there were no organic regulations, Mrs. Phoung helped to develop the „Participatory Guarantee System“ (PGS) as a controlsystem – with the support of a Danish project.

This partnership-based control system is the only one that gives organic status to the vegetables of small farmers. By contrast, large, export-oriented companies can afford international certifications. The average farm size in Vietnam, however, is less than one hectare – distributed over many tiny patches.

The fact that these small farmers are „anyway organic“ is, as is often the case, romantic. Our host family in the northern mountain province Ha Giang debunked it. When we watched Giang, our hostlady in the idyllic „Thon Tha Homestay“, while setting the rice, we could hardly believe our eyes: She naturally spreaded chemical fertilizer – from the plastic bag – to her rice terraces!

Those farmer groups who join the PGS are avoiding that. Phuong said that there are currently about 130 women in the north of Hanoi who supply about 150 customers. In Hoi An, „Action for the City“ is responsible for another project. „The municipality wants to promote organic farming thee. Otherwise, the Vietnamese policy is currently being massively supported in two directions: genetic engineering and ’safe food‘. Large companies from the USA and China are interested in this. Organic farming is – if at all – only at the third place,“ said Phoung.

Data on global organic agriculture, collected for years by Helga Willer of FiBL Switzerland, are confirming that statement. Vietnamese organic area has more than doubled in the past four years, but the 43,000 hectares are only 0.4% of the agricultural area of Vietnam. Hardly available.
The Vietnamese Ministry of Agriculture and Rural Development has been working on regulations for organic farming since 2014. Without legal regulations anybody can claim to produce organic. Food scandals are apparently common in Vietnam. In our conversations with students in Hanoi, we heard the great uncertainty: They do not trust at all statements food is „better“, „healthier“ or „organic“.

But there is something going on in Vietnam: In November 2015 the first Vietnamese control body Mekong Cert was established. PGS now exists in six provinces of Vietnam – from North to South. An expansion of organic farming could thus only disrupt Monsanto & Co.’s interests. Those who would prefer Giang to continue to use chemical fertilizers and to grow genetically modified rice in the future.

Beitrag von

Sonja Wlcek
Sonja Wlcek
Ich bin Sonja Wlcek, Bio-Schweineexpertin, Beraterin, freie Journalistin und Hobby-Grafikerin.