Marokkanischer Wein – Eine Annäherung

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Zwischen dem Katholischen und dem Islamischen gibt es den einen oder anderen Unterschied: Mohammed statt Jesus, Mekka statt Vatikan, Moschee statt Kirche, Koran statt Bibel, Ornamente statt Bilder, Gebetsteppich statt Sitzbank, Sabbat statt Sonntag und –  jetzt kommt’s – Tee statt Wein. Zugegeben, die Liste ist klischeehaft. Das darf sie durchaus sein, denn sie führt mich recht elegant zu meiner Geschichte.

Die Möglichkeiten zum Alkoholgenuss formuliert die Scharia völlig spaßfrei: verboten ist verboten. Ebenso unzweifelhaft spielt in Marokko das islamische Recht auch im bürgerlichen Alltag eine prägende und gestaltende Rolle. Marokko präsentiert sich als islamischer Staat, ohne dass uns in dem guten Monat unseres Gastseins hier Fanatismus unangenehm aufgefallen wären.

Alkohol kommt im Leben der MarokkanerInnen einfach nicht vor. Zum Essen wird picksüßer Tee serviert. Oder auch Wasser aus der Flasche, wenn man unbedingt will. Alkoholisierte sieht man in Marokkos Öffentlichkeit überhaupt nicht. Dies fällt insbesondere bei geistig und sozial Unterprivilegierten auf, die zwar armselig schmutzig um Almosen bitten, aber nicht elendig stinkend im Suff delirieren. Viele Menschen begegnen einem zwar arm aber nicht alkoholkrank. Dies führt zum Beispiel zu der in Österreich unvorstellbaren Situation, dass Bettler zwar etwas versteckt, aber dennoch selbstverständlich gewürdigter Teil der Gesellschaft sind.

Wir hatten uns im Vorfeld keine Fragen dazu gestellt. Also musste die Erkenntnis erst sickern, dass Alkohol in Marokko von den Gläubigen nicht nur nicht getrunken werden darf, sondern konsequenterweise auch nicht kaufbar ist. Bier – auch alkoholfrei – Wein, Spirituosen gibt es ganz einfach nicht. Ausgenommen sind nur die Bars der Luxushotels – in denen wir nicht verkehren – und sehr seltene Drugstores.

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Nicht dass uns der Alkohol abgegangen wäre, doch gab es den einen oder anderen lauen Abend auf einer Dachterrasse, an dem ein Flascherl Bier, z. B. beim Anheizen des Tachines-Feuers, oder auch ein Glaserl Wein zum Ausklang eines ereignisreichen Tages gut gepasst hätte. Alleine, es ergab sich über fünf Wochen keine Möglichkeit.

Bis wir dann nach Essaouira, der blütenweißen Küstenstadt an der Atlantikküste, kamen. Im Stadtplan der Gratisapp maps.me stach uns in einer Randzone der Medina ein Einkaufswagerl mit „drugs/alcohol“ ins Auge. Da mussten wir hin, sozusagen fact finding mission. Als wir aus dem engen Gassengewirr endlich herausgefunden hatten, standen wir vor dem Nichts. Nicht nur der Shop, sondern gleich der ganze Häuserblock – UNESCO-Weltkulturerbe hin oder her – war geschliffen. Unsere Vorfreude war so radikal wie möglich dem Erdboden gleichgemacht worden. Zufall oder nicht, wir mussten fast den Eindruck gewinnen, dass hier höhere Mächte im Spiel gewesen sein müssen.

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Wir ließen uns nicht entmutigen. Und schon einen Tag später wurden wir in Marrakesch tatsächlich fündig. Wir folgten dem Tipp eines deutschen Touristen und wanderten nach der Besichtigung des Jardin Majorelle zu einem der großen Carrefour-Markets. Dort angekommen führte durch einen wirklich dezenten Hintereingang eine steile Stiege in den Keller.

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Und dort gab es dann doch tatsächlich eine kleine aber feine Auswahl an Alkohol. Streng beäugt von zwei grimmig dreinschauenden Securities mussten wir nicht lange suchen, da sprang uns schon eine marokkanische „Perle noire de mogador“ mit Bio-Siegel in den Einkaufskorb.

 

 

 

 

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Durch ein Obstsackerl aus Papier vor den Blicken der Restwelt anonymisiert fand der Bio-Wein sanktionslos den Weg auf die schmucklose Dachterrasse unsers Hotels. Beim dann folgenden Abendessen „im Schatten“ der Mosc Koutoubia samt (mahnendem?) Singsang des Imam hat uns die in der Tat schwarze Perle sehr charmant begleitet. Ich denke fast, dass wir uns die geschmackliche Qualität fast ein wenig schön redeten.

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Die Frage, ob nun das marokkanische defacto Alkoholverkaufsverbot mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt, konnten wir an dem Abend (noch) nicht klären. Wie wir auch (noch) nicht gesungen haben, denn das Lied „Marokkanischer Wein“ war uns noch nicht so geläufig.

Beitrag von

Reinhard Geßl
Reinhard Geßl
Mein Herz schlägt beruflich seit 25 Jahren für eine ökologisch-tiergerechte Landwirtschaft. Die Zukunft der Landwirtschaft kann nur so aussehen! Ich sehe es als meine Berufung, ProduzentInnen und KonsumentInnen zusammen zu bringen.