Surfriding in Agadir

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Der Europäische Freiwilligendienst (EFD) ermöglicht jungen Menschen einen kostenlosen Auslandsaufenthalt mit Sinn. Sie können in Umwelt-, Sozial- oder Kulturprojekten mitarbeiten. Obwohl der EFD mittlerweile auch als Zivildienst angerechnet werden kann, nehmen derzeit nur etwa 30 junge Leute aus Wien teil. Johannes Winckler ist einer davon. Wir trafen ihn in Agadir, wo er für eine marokkanische Umwelt-NGO arbeitet.

    Du bist nun seit vier Wochen hier in Marokko bei der Surfrider Foundation Maroc. Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Jahr lang in Marokko zu arbeiten?

    Johannes: Eigentlich wollte ich in den Nahen Osten. Die Länder dort – also arabische – interessieren mich schon länger. Ich musste aber feststellen, dass es keine Möglichkeiten für mich gibt, dort zu arbeiten. Also kam ich auf Marokko. Ich habe mir dann in der EFD-Datenbank die marokkanischen Organisationen angeschaut und jene angeschrieben, die eine halbwegs vertrauenswürdige Homepage hatten.

    Wie funktioniert der Europäische Freiwilligendienst? Was muss man machen und wer übernimmt die Kosten?

    Der EFD ist ein Programm der EU – also eigentlich für den europäischen Austausch gedacht. Ein paar Partnerländer wie Marokko sind auch dabei. Man muss sich eine „Sendeorganisation“ suchen, das war in meinem Fall Grenzenlos. Diese kümmert sich dann um mögliche „Empfängerorganisationen“. Ich habe mir aber schon selber die Surfrider Foundation Maroc gesucht und gefunden, die bereit war, mich für ein Jahr aufzunehmen. Also musste Grenzenlos nur noch die Formalitäten erledigen. Im „Volunteering Agreement“ wird festgeschrieben, was und wie lange man arbeiten wird. Und das dafür notwendige Budget erstellt. Das reicht man beim EFD ein und acht bis zwölf Wochen später bekommt man das OK.

    Was finanziert der EFD? Was verdienst du?

    Der EFD bezahlt alle Kosten, die mir für dieses Jahr erwachsen. Also An- und Abreise, Mietkosten, Impfungen, und so. Und den Sprachkurs. Ich bekomme von den Surfriders 1300 Dirham (das sind etwa 130 EUR) pro Monat „Gehalt“, von dem ich mir Essen, Bus und das Telefon bezahlen kann. Sie bekommen das Geld vom EFD ersetzt. Von Grenzenlos bekomme ich noch etwa 600 Dirham (ca. 60 EUR) Taschengeld.

    Was ist die „Surfrider Foundation“ eigentlich? Was tut sie?

    Das ist ein Netzwerk von Organisationen in verschiedenen Ländern, das sich für den Schutz der Meere einsetzt. Entstanden ist diese NGO in Kalifornien (USA), wo Surfrider – also Wellenreiter – feststellen mussten, dass ihnen ihre besten Plätze – die Surfspots – abhanden kommen. Weil die Strände vermüllt oder verbaut werden. Also haben sie begonnen, sich für den Schutz der Strände und des Meeres einzusetzen. Mittlerweile ist der Klimaschutz auch ein zentrales Thema geworden.

    Und was sind die Schwerpunkte in Marokko?

    Nachdem es hier nördlich von Agadir die besten und berühmtesten Surfspots gibt, arbeiten die Surfrider Maroc daran, das Bewusstsein von marokkanischen Schülern und auch Arbeitnehmern zu heben, was den Schutz der Strände und des Meeres angeht. Ich war zum Beispiel schon in Schulen und in einer Konservenfabrik, wo wir mit ganz plakativen Mitteln gezeigt haben, welche Probleme die Versauerung des Meeres mit sich bringt. Oder wir waren in einer Arganöl-Kooperative, in der wir den dort arbeitenden Frauen erklärt haben, was es heißt, wenn der Müll, den hier fast alle einfach so wegwerfen, im Meer landet.

    Das heißt, es geht vor allem um Bildung?

    Nicht nur! Auch um nachhaltiges Management zum Schutz der Anrainer und der Nutzer des Meeres.

    Was kann ich mir darunter vorstellen?

    Die Surfriders Maroc machen Kommunen in Meeresnähe auf das massive Müllproblem aufmerksam und zeigen ihnen Alternativen auf. Also zum Beispiel in Taghazout. Dort haben sie Surfriders Pläne gezeichnet: Wo ist der meiste Müll zu finden? Wo müsste die Gemeinde daher Mistkübel aufstellen? Oder als Beispiel das Paradise Valley: Das ist ein wunderschönes Tal, das aber von den Besuchern komplett zugemüllt wurde. Da haben die Surfriders ein Happening gemacht: Leute haben Müll aufgesammelt und dabei mit Megafonen die Besucher auf das Müllproblem aufmerksam gemacht. Jetzt sollen noch Informationstafeln und Mistkübel aufgestellt werden. Auch wenn das noch keine wirkliche Lösung ist…

    Warum nicht?

    Weil erstens werden die Mistkübel hier in Marokko gestohlen, wenn sie schön oder praktisch sind. Außerdem muss der Müll aus den Kübeln ja auch abgeholt und entsorgt werden. Das ist hier immer eine Frage des Geldes… Ich habe aber zum Beispiel schon recherchiert, wie ein Mistkübel aussehen müsste, damit er nicht gestohlen wird. Da gibt es eine interessante Idee einer Partner-Organisation: Felgen alter Fahrräder an Eisenstangen geschweißt sind unattraktiv genug…

    Und was werden deine Aufgaben für das kommende Jahr sein?

    Also kommende Woche werde ich nach Marrakesch fahren. Dort hat die Surfrider Foundation Maroc einen spannenden Beitrag zur derzeit stattfindenden Klimakonferenz: Marokkanische Schülerinnen und Schüler bekommen die Möglichkeit, an der Konferenz teilzunehmen. Danach werde ich mehr in der Bewusstseinsbildung arbeiten: Ich soll diejenigen Vorträge vor Schülerinnen und Schülern übernehmen, die wir an Privatschulen in Französisch anbieten. Weiters soll ich die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen der Surfriders wiederbeleben.

    Jetzt wieder zurück zu dir und dem EFD? Was erwartest du dir eigentlich von diesem Jahr hier in Marokko?

    Ich werde mein Französisch weiter verbessern, das merke ich jetzt schon. Außerdem hoffe ich, dass ich ein bisschen Arabisch können werde, wenn ich hier fertig bin. Ich denke auch, dass mich die hier herrschende „afrikanische“ Kultur ein bisschen entschleunigen wird.

    Meinst du, dass sich so ein Auslandsjahr auch gut im Lebenslauf tut?

    Na ja, mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Es gibt ja schon eine richtige „Freiwilligen-Industrie“ – da leben gar nicht so wenige Organisationen davon. Aber wegen meines Lebenslaufs mache ich das hier sowieso nicht, das ist mir nicht wichtig.

    Danke für deine Zeit und das interessante Gespräch!

    Beitrag von

    Sonja Wlcek
    Sonja Wlcek
    Ich bin Sonja Wlcek, Bio-Schweineexpertin, Beratungsleiterin und Hobby-Grafikerin.