Boden auf Sand oder Sand ohne Boden

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Das Wüstenland Ägypten erweitert seine Landwirtschaft: So nahmen die Agrarflächen (Ackerland sowie Dauerkulturen) in den letzten zehn Jahren um sieben Prozent, im Vergleich zu 1994 sogar um 15 Prozent zu. In den Oasen der Libyschen Wüste werden riesige Felder vorbereitet, die in Zukunft mit Hilfe von fossilem Grundwasser Nahrung und Futtermittel liefern sollen.

So erzählte uns Ahmed Abed von 1,5 Millionen Feddan (630.000 Hektar) östlich von Farafra, die derzeit zu jeweils 120-Hektar-„Paketen“ – das ist jene Fläche, die ein Beregner umfasst – zum Kauf angeboten werden. Jetzt ist dort noch Wüste – also reiner Sand, kein Boden.

Mit dem Bagger werden in den Oasen der Westlichen Wüste neue Felder angelegt.

Wüste nachhaltig begrünen

So ähnlich hat auch die Sekem-Farm in der Wüste östlich vom Nildelta im Jahr 1979 begonnen. Dr. Ibrahim Abouleish hatte nach der Rückkehr von seinen Studien in Graz eine Vision: Er wollte der Wüste 70 Hektar wegnehmen und diese dauerhaft begrünen.

Heute erstreckt sich die Tätigkeit des Sekem-Netzwerks in Summe auf etwa 2500 Hektar und bietet etwa 2000 Menschen einen Arbeitsplatz in einer der biodynamischen Landwirtschaften, in Veredelung, Vermarktung, schulischer Ausbildung und  medizinischer Versorgung. Nachhaltiges Bewirtschaften des Wüstenbodens steht dabei mittlerweile vor der Ausweitung der Flächen, weswegen Sekem letztes Jahr sogar den „Land of Life Award“ gewonnen hat.

Bodenverlust als weltweites Problem

Bei unserem Besuch Ende November konnten wir uns mit eigenen Augen davon überzeugen, mit welchem Aufwand die Menschen dort daran arbeiten, den Boden aufzubauen, zu erhalten und laufend zu verbessern: Windschutz, sparsame Bewässerung, Fruchtfolge, Tierhaltung, Kompostierung, … Keine dieser Maßnahmen haben wir während unserer nachfolgenden Reise durch die Senken der Libyschen Wüste mehr gesehen. Leider. Denn Ägypten – und die ganze Welt – hätte Bodenaufbau und Bodenschutz dringend nötig!

In Afrika werden aufgrund von Bodenabbau heute um 2-40 Prozent geringere Erträge erzielt als früher, im Durchschnitt sind es 8,2 Prozent. Der Welt gehen jeden Tag 2000 Hektar Land allein durch Versalzung der Böden verloren. Etwa ein Drittel der Landfläche der Welt droht zu (weiteren) Wüsten zu werden. Und das bei wachsender Bevölkerung…

Windschutz und Fruchtfolge gegen Bodenverlust

Dabei zeigt Sekem seit mehr als 30 Jahren vor, wie nachhaltiger Bodenaufbau geht: Gleich nachdem die Bewässerungstechnik installiert war, wurden rund um das zukünftige Gelände zehn Reihen standortangepasste Bäume – solche, die wenig Wasser benötigen und deren Holz oder Blätter genutzt werden können wie zum Beispiel Kasuarinen – gepflanzt. Dieser Windschutz wird nur mit schon einmal gebrauchtem Wasser versorgt. Von Beginn an wurden die Felder mit wechselnden Früchten wie Alexandrinerklee und Sorghum als Tierfutter, Speisegetreide, Mais, Kräutern und Gemüse bebaut.

Klimaschutz durch Kompost und Bodenaufbau

Alle dabei anfallenden Pflanzenreste, dazu Strauchschnitt, Kot und Einstreu der 130 Milchkühe und 500 Schafe sowie Nebenprodukte der nahen Instantkaffee-Erzeugung werden seit Jahrzehnten auf einem geräumigen Kompostplatz zu dunkler Erde und Komposttee veredelt. Angela Hofmann, der Leiterin der Sekem-Landwirtschaft, betont: „Dabei ist es besonders wichtig, dass die Kompostierung geordnet abläuft. Sobald die Kerntemperatur 65 °C oder der CO2-Gehalt 11 % erreicht, setzen wir den Wall um.“ Laufende Laboranalysen überprüfen, ob die „richtige“ Bakterienmischung besten Dünger für die Flächen erzeugt.

Da die Sekem-Farm an vielen wissenschaftlichen Untersuchungen teilnimmt, kann Angela Hofmann klar aufzeigen, dass mit diesen Maßnahmen nicht nur beste Bio-Lebensmittel entstehen, sondern auch Kohlenstoff im Boden gebunden wird. Aus Sand wurde in wenigen Jahren furchtbarer, dunkler Boden, der im Durchschnitt 3,2 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr bindet!

Sparender Umgang mit Wasser in Ägypten nicht gefördert

Für einen solchen Erfolg beim Bodenaufbau wie bei Sekem spielt auch die Bewässerung eine wichtige Rolle. Schon vor zehn Jahren stellte Angela Hofmann die Bewässerung vom Überflutungssystem um: „Alle Flächen werden nun mit Sprinklern bewässert. Dazu mussten Rohre eingegraben werden, das ist teuer. Einige Feldkulturen und die Obstbäume bekommen ihr Wasser seither sogar über Tröpfchenbewässerung.“ Im Gegensatz zu Marokko unterstützt Ägypten solche Bewässerungssysteme, die den Wasserverbrauch deutlich senken, in keiner Art und Weise.

Das führt dazu, dass wir auf unserer weiteren Fahrt hauptsächlich die Flutung der Felder als Bewässerung gesehen haben. Etwa 76 % der bewässerten Flächen Ägyptens werden so mit Wasser versorgt. In Farafra lernten wir Hassan Husseiny, seines Zeichens „Irrigation Manager“ an der Amerikanischen Universität in Kairo, kennen. Er empfiehlt die beiden in der Sekem-Farm verwendeten Systeme: „Sprinkler- und Tröpfchenbewässerung sind deutlich effizienter als das Fluten der Felder“, betonte er.

Bewässerter Boden ohne Leben versalzt

Wobei es bei der Bewässerung nicht nur um Effizienz geht, sondern auch um Bodenverlust bzw. Bodenabbau. Falsche Bewässerungstechnik in Trockenregionen führt zu Versalzung der Böden. Mindestens 20 % aller bewässerten Flächen weltweit, in manchen Ländern mehr als die Hälfte, sind davon betroffen. Versalzte Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit, die Erntemengen zum Beispiel von Weizen nehmen um 20-43 % ab.

Offenbar ist Versalzung ein Problem vor allem der Kleinbauern, das – wie andere Arten des Bodenabbaus – mit erhöhtem Düngereinsatz und technischem Aufwand „verschleiert“ werden kann. Hassan Husseiny versicherte uns zwar: „In den Oasen gibt es kein Problem mit Versalzung. Das dortige (Anm.: fossile) Grundwasser hat mit 110 ppm nur einen geringen Salzgehalt. Das Problem dort ist der sehr hohe Eisengehalt.“ Das können wir nicht ganz glauben, da wir einige weiße, wie gesalzen aussehende Felder gesehen haben.

Der ägyptische Landwirtschaftsexperte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Mohamed Aly, gibt auf Anfrage für die „Al Moghra“-Quelle – das ist jene Quelle für die neu erschlossenen Gebiete in der Westlichen Wüste – einen Salzgehalt von 2000-4000 ppm an. Mit einem solchen Salzgehalt ist dieses Wasser als Beregnungswasser eigentlich nicht mehr geeignet. Ich schließe daraus, dass in Kauf genommen wird, die mit diesem Quellwasser beregneten Flächen in wenigen Jahr(zehnt)en für die Landwirtschaft unbrauchbar zu machen.

Wir leben auf Kosten der Zukunft unserer Enkel, da wir Boden schneller verbrauchen, als er sich bildet, und sind mit dem Dilemma konfrontiert, dass es gerade die langsamsten Entwicklungen sind, die man am schwierigsten aufhalten kann.
Aus dem Buch „Dreck“ von David R. Montgomery

Zusätzlich dürften große Bodenmengen in den Oasen der Winderosion zum Opfer fallen – vermute ich aufgrund der Unmengen an Staub. Weltweit gehen 30 % des Bodens aus diesem Grund verloren.

Bodenaufbau entscheidend für unsere Kinder

Auf reinem Sand lebendigen Boden aufzubauen, ist also entscheidend für die Zukunft der Wüsten- und der gesamten Landbewirtschaftung. Nur nachhaltiger (Bio-)Landbau wird die nächsten Generationen ernähren können.

Das wäre nicht ganz so schwer, die Sekem-Farm zeigt es seit Jahrzehnten vor: Windschutzhecken (die später Brenn- und Bauholz oder Futter liefern), Fruchtfolge, Kreislaufwirtschaft, Biolandbau und damit Aufbau von aktivem, lebendigem Boden. Sollte das nicht gelingen, werden die Felder in den Oasen in wenigen Jahrzehnten wieder Wüste sein.

Interessantes Buch zum Thema:

  • „Dreck – Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert“ von David R. Montgomery. 2010, oekom Verlag.

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Beitrag von

Sonja Wlcek
Sonja Wlcek
Ich bin Sonja Wlcek, Bio-Schweineexpertin, Beratungsleiterin und Hobby-Grafikerin.